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Gewalt überwinden - aber wie?

In der Straßenbahn: Eine Gruppe von 17-18-Jährigen steigt ein. Schwarze Lederjacken, Springerstiefel, kurzgeschorene Haare. Nach weniger als 10 Minuten haben sie ein Opfer gefunden, dem sie zu Leibe rücken. Dem beobachtenden Pastor schnellt der Puls auf 180, er spürt, daß er etwas tun muss - aber was?

Die Jugendlichen haben viele Jahre Religionsunterricht gehabt, und vermutlich sind die meisten von ihnen auch konfirmiert. Das hält sie aber nicht davon ab, zuerst mit Verbalinjurien auf diesen Dunkelhäutigen einzuschlagen. Ihre Handlungen werden weniger von christlicher Ethik, sonder eher durch den Versuch bestimmt, in der Gruppe Anerkennung zu finden und Frustrationen ihres Alltags abzubauen.

Auch der Pfarrer bleibt ungeachtet seines christlichen Werthorizontes und aller poltischen Einsicht zum Trotz zunächst einmal still sitzen - begründet allein durch die Angst, die diese Gruppe von gewaltgewohnten Jugendlichen ihm einflößt.

Christliche Ethik scheint nicht mehr gefragt zu sein. „Entscheidungsprozesse in der Alltagspraxis vollziehen sich offenbar anders als nach dem Modell von Theorie und praktischer Anwendung“, stellt der Theologe Ulrich Körtner in seinem neuesten Lehrbuch „Evangelische Sozialethik“ (Göttingen 1999, S.22) fest. Selbst in der Politik ist das zu beobachten, auch wenn vordergründig hochmoralisch argumentiert wird. So z.B. im Kosovokrieg:  Verteidigungsminister Rudolf Scharping begründete den Militäreinsatz zwei Tage nach seinem Beginn mit einer humanitären Katastrophe, mit „einer zur Zeit nicht zählbaren Zahl von Toten“ (zitiert nach Frankfurter Rundschau vom 16.2.2001). Diese humanitäre Katastrophe trat aber erst nach dem Militäreinsatz ein - vorher hatte die OSZE, die im Kosovo als unabhängige Beobachtertruppe stationiert war, genau 39 Tote gezählt. Der Grund für den Krieg lag nicht in einem ethischen Dilemma, sondern ist eher in machtpolitischen Überlegungen der NATO und insbesondere der USA zu suchen. Die Menschenrechte wurden als Argument für den Krieg missbraucht, ungeachtet dessen, dass in dem NATO-Land Türkei in weitaus größerem Maße Menschenrechtsverletzungen geduldet werden. Mitgefühl wurde den Serben gegenüber zurückgedrängt, den Albanern gegenüber durch entsprechende Bilder gefördert. Emotionen überlagerten jeden Versuch einer rationalen ethischen Diskussion. Die Deutschen haben dabei insgesamt den Aussagen der Regierung stärker als sonst vertraut, weil die Politiker dieser Regierung noch kurze Zeit vorher in der Opposition waren - gerade die kritischeren Menschen sahen in ihnen „die eigenen Leute“, hatten eine positive Beziehung zu ihnen.

Wenn denn aber Gefühle und Beziehungen als Entscheidungsgrundlage sowohl persönlich wie auch politisch wichtiger sind als ethische Reflexion, dann ist es Aufgabe der Kirche, gerade darauf zu achten, wenn sie sich für die Überwindung von Gewalt einsetzen will.

Mitgefühl und der Aufbau von positiven Beziehungen ist das, was dem biblischen Liebesgebot entspricht. Das Gebot der Feindesliebe lässt sich auch in die Aufforderung umformulieren, mit den eigenen Gegnern Mitgefühl zu entwickeln. Deshalb hat der Bergprediger ganz konkrete Hinweise gegeben, wie Kontakt zu den Feinden herzustellen ist: Nach einem Schlag auf die rechte Backe auch die linke hinzuhalten, oder im Fall der Nötigung zum Gepäcktragen, was die römischen Besatzungssoldaten für eine Meile verlangen konnten, freiwillig eine zweite zu tragen. (Ausführlich dazu: Pinchas Lapide, Wie liebt man seine Feinde? Mainz 1984.) Jesus wusste: Mitgefühl wird möglich, wenn Kontakt möglich wird, Mitgefühl, das Gewalt überwindet.

So auch in unserem Beispiel aus der Straßenbahn: Als der Pfarrer einen der Jugendlichen in den schwarzen Jacken ins Gesicht sehen kann, erkennt er einen seiner ehemaligen Konfirmanden. Auch der Name fällt ihm zum Glück wieder ein: „Hallo Dominik“ ruft er durch die Straßenbahn. Der Angesprochene schaut herüber. Doch bevor er sich abwenden kann, steht der Pfarrer auf und geht lächelnd auf ihn zu. Der Junge lächelt zurück, unsicher noch, aber er lässt sich auf ein Gespräch ein. Der Dunkelhäutige kann die Gelegenheit nutzen und entfernt sich fast unbemerkt.

Solches Mitgefühl scheint mir als Konkretion der biblischen Feindesliebe weniger ethische Forderung als eine christliche Praxis zu sein, die direkt aus dem Glauben erwächst. Ich sehe in den Jugendlichen in den Lederjacken genauso wie in den Serben, deren Brücken und Chemiefabriken bombardiert wurden, wie auch in den gewaltbereiten Albanern im Kosovo Schwestern und Brüder - nicht aus einer ethischen Reflexion heraus, sondern aus der Erfahrung eigener Schuld und Vergebung und eigener Gotteskindschaft.

Überwindung von Gewalt wird möglich, wo wir Kontakte herstellen und Mitgefühl erlebbar machen können. Das setzt jedoch eigene Stärke voraus. Fähigkeit zu Mitgefühl und zur Kontaktaufnahme hängt ganz stark vom Vertrauen ab - zu sich selbst, zu Mitmenschen, zu Gott. Deshalb wird es für die Dekade zur Überwindung von Gewalt darauf ankommen, Glauben,  Begegnungen und Vertrauenserfahrungen zu ermöglichen:

* Erfahrungen der eigenen Stärke -  denn wenn ich mich innerlich sicher und stark fühle, kann ich mich viel leichter auf andere einlassen;

* Begegnung mit denen, die mir in verschiedenster Hinsicht fremd erscheinen;

* Glauben und Vertrauen auf den Gott, als dessen Kinder wir Schwestern und Brüder sind;

* Erfahrungen der Kommunikationsfähigkeit - denn sie erlaubt, auch in schwierigen Situationen Kontakt aufzunehmen.

* Erfahrung der Befreiung aus Ohnmacht; denn erst eigene Handlungsfähigkeit ermöglicht Gewaltfreiheit.

All dies kann insgesamt neue Horizonte erschliessen, kann befreiend und lebensstiftend wirken. Aber Glaube, Begegnung und Erfahrungen lassen sich nicht anlesen, sondern brauchen die Praxis, brauchen konkrete Übung.

Die Kirchen können deshalb ihre Möglichkeiten nutzen, -  das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird und die Beziehungen, die in ihrer Mitte gewachsen sind - um Einübung in Glauben und Vertrauen anzuregen, um Begegnungen auch mit den Fremden zu ermöglichen und so zu Erfahrungen zu führen, dass Gewalt überwunden werden kann.

Pfarrer Berthold Keunecke, Synodalbeauftragter des Kirchenkreises Herford für die ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt

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