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Nachdenken über Bildung - Tagung der Kreissynode


 

Die Bildungsverantwortung der Kirche war das zentrale Thema der diesjährigen Sommersynode des Kirchenkreises, die am Freitag, dem 18., und am Samstag, dem 19. Juni im Elisabeth-von-der-Pfalz-Berufskolleg in Herford tagte. Nach den zahlreichen Finanz- und Strukturdiskussionen der letzten Jahre konnten sich die Vertreter der Gemeinden damit wieder stärker inhaltlichen Fragen zuwenden zu können. Als Impulsgeber hatte der Kreissynodalvorstand Professor Dr. Friedrich Schweitzer eingeladen. Schweitzer lehrt an der Universität Tübingen Religionspädagogik, und er ist als Vorsitzender der Kammer für Bildung und Erziehung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einer der führenden Bildungstheoretiker der evangelischen Kirche.

Glaube und Bildung gehören nach reformatorischem Verständnis eng zusammen – das machte der Tübinger Wissenschaftler den Pfarrern und Presbytern aus dem Kirchenkreis Herford klar. „Eine evangelische Kirche ohne Bildung wäre keine evangelische Kirche mehr“, betonte er. Bildung im Glauben und ethische Bildung für Frieden und Recht und Gerechtigkeit seien dabei seit Martin Luther und seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon die wesentlichen Ziele, sagte Schweitzer.

Unabdingbar ist für Schweitzer die religiöse Bildung. „Dabei geht es um mehr als um kirchliche Interessen – es geht um Grundfragen des menschlichen Daseins. Es gibt ein Recht des Kindes auf religiöse Bildung“, sagte der Theologe, der als weiteren Aspekt eines evangelischen Bildungsverständnisses das Recht aller Menschen auf Bildung betonte – ein Recht, das sich aus der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen ergebe. Insofern sei es wichtig, Bedürftigen und Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit Migrationshintergrund breiten Zugang zur Bildung zu ermöglichen. „Deutschland scheint Weltmeister darin zu sein, Integration durch Schule und Bildung nicht zu leisten“, sagte Schweitzer. Ziel der Bemühungen müsse es aber sein, die Gaben aller Menschen zu fördern und möglichst viele Menschen zu befähigen, im umfassenden Sinn an der Gesellschaft teilzuhaben. „Befähigungsgerechtigkeit“ nennt Schweitzer dieses Ziel.

Eine neue Aufgabe, die die Reformatoren noch nicht kannten, ergibt sich nach Ansicht Schweitzers aus der modernen, pluralistischen Gesellschaft. Bildung, wie sie die evangelische Kirche betreibe, müsse heute auch vermitteln, was es heißt, evangelisch zu sein – und solle Menschen befähigen, dies in einer multireligiösen Situation selbst zu formulieren. Der Arbeit mit Konfirmanden, früher „kirchlicher Unterricht“ genannt, wies Schweitzer hier eine große Bedeutung zu. „Das ist ein Erfolgsmodell, aber es gibt auch Probleme“, sagte er im Hinblick auf von ihm durchgeführte empirische Studien.

Bildung im evangelischen Verständnis, das betonte Schweitzer, gehe weit über das hinaus, worauf Bildung im Gefolge von PISA konzentriert worden sei. „Lesefähigkeit und mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten – das kann nicht alles sein“, sagte der Referent  und unterstrich die Bedeutung religiöser, ethischer, interkultureller Bildung und der Persönlichkeitsbildung. Die durchgängige Ökonomisierung der Bildung lehnte Schweitzer ab: „Bildungseinrichtungen sind keine Unternehmen.“

Als Orte, an denen Kirche bildend tätig werde, nannte Schweitzer neben dem schulischen Religionsunterricht („Andere Länder beneiden uns darum!“) die Gemeinde selbst, Kindertagesstätten und Schulen in kirchliche Trägerschaft. „Hier kann exemplarisch deutlich werden, wie Bildung aus evangelischer Sicht aussehen kann!“ Die Synodalen hörten es gern, betreibt der Kirchenkreis doch neben dem Berufskolleg auch die Förderschule „Johannes-Falk-Haus“ in Lippinghausen. Daneben solle sich die Kirche aber auch in die gesellschaftliche Diskussion über Bildung einmischen, forderte der Theologe aus Tübingen.

Konsequenzen aus Schweitzers Überlegungen diskutierten die Synodalen am Samstagmorgen in Arbeitsgruppen – neben Konfirmandenarbeit und Religionsunterricht wurden dabei auch Fragen der Erwachsenenbildung oder der „Beitrag der Predigt zu religiösen Bildung“ thematisiert. „Die Ergebnisse der Gruppenarbeit werden dokumentiert und in die Arbeit von Ausschüssen und Kreissynodalvorstand einfließen“, erklärt Pfarrer Dr. Manfred Karsch den weiteren Umgang mit den Arbeitsergebnissen. „Als große Themen werden sich dabei wohl die Vernetzung der verschiedenen Arbeitsfelder und die Frage nach der Qualifizierung ehrenamtlicher Mitarbeiter herausschälen“, sagt Karsch, der im Kirchenkreis für pädagogische Fragen in Schule und Kirche zuständig ist.

Wie auf der Sommersynoden üblich, gab Superintendent Michael Krause, der seit neun Monaten im Amt ist, einen „Bericht des Superintendenten“. Darin begrüßte er das Bemühen von Gemeinden, mit den Gottesdiensten „hinaus ins Freie“, an Orte außerhalb der Kirchenmauern, zu gehen und so mehr Menschen Gelegenheit zur Begegnung mit dem Evangelium zu geben. Krause rief dazu auf, „vertrauensvolle Gelassenheit bei der Entwicklung neuer Perspektiven“ zu wahren und sieht den Kirchenkreis auf einem positiven Weg.

Weitere Themen der Synode waren landeskirchliche Vorlagen, die teils positiv, teils ablehnend aufgenommen wurde. So sieht die Herforder Synode die landeskirchenweite Änderung der Bezeichnung „Kirchenkreis“ zu „Ev. Kirchenkreis“ als sinnvoll an, ebenso ein Gesetz, mit dem die bisherigen Laienprediger in „Prädikanten“ und „Prädikantinnen“ umbenannt werden. Abgelehnt wurden Vorschläge zur Änderung der Kirchenordnung, in denen es um Eingriffe der Landeskirche in die Arbeit der Kirchenkreise in bestimmten Problemlagen geht. Hier machten die Herforder Synodalen deutlich, dass sie hier noch Diskussionsbedarf sehen. Außerdem wurden die Mitglieder der Ausschüsse gewählt, die nach der im Frühjahr verabschiedeten Konzeption neu gebildet wurden.

 

Bilder (Bernd Höner): Professor Dr. Friedrich Schweitzer und Synodale (oben), Nachdenken über Bildung: In insgesamt 10 Arbeitsgruppen diskutierte die Synode über einzelne Arbeitsfelder (unten)

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