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Der Bauchnabel der Welt


Woher kommt es eigentlich, dass jeder Mensch einen Bauchnabel hat? Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein, als die Nachbarstochter mich darüber aufklärte. „Als Gott alle Menschen gemacht hatte, stellte er sie in einer Reihe auf, schaute sie liebevoll an und tippte jedem mit der Fingerspitze auf den Bauch. Du bist fertig … und du bist fertig … und du bist fertig …“

Ich ahnte damals schon, dass die naturwissenschaftliche Erklärung für meinen Bauchnabel eine andere war. Aber die Geschichte habe ich behalten, und sie gefällt mir bis heute gut. Sagt sie doch – auf einer anderen Ebene als der der Naturwissenschaft – zwei wesentliche Dinge aus über uns Menschen: Wir haben uns nicht selbst geschaffen. Und: Gott, unser Schöpfer, schickt uns mit Liebe ins Leben.

Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele. So hat schon vor vielen hundert Jahren im alten Israel ein Mensch gebetet. Ja, ich bin Gottes Geschöpf; und ich bin ein Wunder. Aber – ist das nicht eigentlich eine ziemlich steile These?

Angesichts eines gesunden Neugeborenen, auf dessen Bauch noch die Reste der Nabelschnur zu erkennen sind und das jetzt mit seinen eigenen Augen ins Leben schaut, ist es einfach, das zu sagen: ein Wunder.

Aber wie wunderbar findet sich eine Dreizehnjährige, die sich im Spiegel betrachtet und statt einer Model-Figur nur Zahnspange und Pickel sieht? Wie wunderbar findet sich der Arbeitslose, der immer wieder zu hören bekommt: Wir brauchen dich nicht? Oder die Gutverdienerin, die nach außen hin ein erfolgreiches Leben führt, sich aber innerlich leer fühlt? Und was ist, wenn ich eine schwere Krankheit habe oder mit einer Behinderung leben muss?

Ich bin wunderbar gemacht. Für die meisten von uns ist das vermutlich kein Gedanke, der täglich und unmittelbar auf der Hand liegt. Der Blick in den Spiegel sagt uns oft anderes. Und doch ist es die Wahrheit Gottes über uns. Denn jeder Mensch ist mehr, als man sieht. Jeder Mensch ist sogar mehr, als er oder sie in sich selber sieht: Geschöpf Gottes. Gekannt – und geliebt.

Und wenn das so ist – vielleicht ist unser Bauchnabel ja dann wirklich noch mehr als die Erinnerung an unser Wachsen und Werden im Mutterleib. Vielleicht ist er dann doch so etwas wie eine Spur: vom Finger Gottes.

Pfarrerin Claudia Günther, Kirchlengern

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