Die Freude verstärken
Als junger Krankenhausseelsorger traf ich einmal einen Mann, der ziemlich verzweifelt in seinem Bett lag. Wir kamen ins Gespräch, und am Ende bot ich ihm an, ein Gebet für ihn zu sprechen. Er bejahte, und ich brachte seine Sorgen vor Gott und bat für ihn um dessen Nähe und Kraft.
Ich hatte gedacht, auf diese Weise die Anliegen des Patienten aufgegriffen zu haben. Der aber antwortete in einem etwas belehrenden Ton: „Herr Pastor, in meinem Konfirmandenunterricht habe ich gelernt, jedes Gebet mit einem Dank zu beginnen.“
Und obwohl ich mich in der Regel nicht gerne belehren lasse, und schon gar nicht von abwesenden Kollegen, hat diese Begegnung mein Beten verändert.
Noch immer bin ich der Überzeugung, dass nicht jedes Gebet mit einem Dank beginnen muss. Es gibt Momente, da kommt es vor allem darauf an, der eigenen Verzweiflung vor Gott Stimme zu geben. (Ich denke da z.B. an eine Situation, wo ich am Bett eines Säugling stand, der am plötzlichen Kindstod gestorben war.) Und auch in der Bibel gibt es kräftige Beispiele der Wehklage ohne jeden Dank (z.B. in den Psalmen, bei Hiob oder auch bei Jesus im Garten von Gethsemane).
Aber in vielen Situationen ist es sehr hilfreich, sich klar zu machen, wofür das Danken lohnt - für den Tag, der uns geschenkt wird, für Menschen, die uns beistehen, für kleine Zeichen positiver Veränderung und natürlich für Gottes Gegenwart selbst: in seiner Schöpfung, in Jesus Christus und im Heiligen Geist.
Wenn ich mir das klar mache, dann hebt das meinen Schmerz, meine Angst, meine Ungeduld, meine Unzufriedenheit nicht immer auf. Aber es stellt sie in einen anderen Rahmen. Und es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Gute, das mir widerfährt. Und dadurch stärkt es das Gute in mir.
Vielleicht probieren Sie es einfach mal aus, Danke zu sagen. Nicht als lästig Pflicht, sondern als Möglichkeit, die Freude über das Leben zu verstärken.
Und das nicht nur am Erntedanktag.
Hanno Paul, Pfarrer am Lukas-Krankenhaus Bünde
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