 |
Einander achten
oder: Die einen und die anderen
Eine Geschichte, wie sie überall jederzeit vorkommen kann: Herr Meyer hat seinen Hammer verlegt. Gerade jetzt brauchte er ihn dringend. Er könnte zum Nachbarn gehen, zu Herrn Müller, und einen Hammer borgen. Könnte er. Aber er hat den Nachbarn schon seit 2 Wochen nicht mehr gesehen. Und beim letzten Zusammentreffen, hatte er da nicht irgendwie schräg geguckt? Hatte er überhaupt gegrüßt? Und auch seine Frau benahm sich in letzter Zeit auffällig, irgendwie hochnäsig. Die Müllers glauben sowieso, sie sind was Besseres. Er hat doch immer schon ein bisschen abfällig reagiert. Und zu dem soll ich gehen, um mir einen Hammer zu borgen? Zu diesem Kerl, der sich fast gar nicht mehr sehen lässt und dann noch schräg und abfällig guckt. So einer borgt einem doch keinen Hammer. So einer nicht. Und wutentbrannt stürmt Herr Meyer zu Herrn Müller, klingelt dort Sturm und schreit dem verdutzten Nachbarn ins Gesicht: Behalt deinen blöden Hammer doch selber!
Eine Geschichte, wie sie überall jederzeit vorkommen kann? Nein? -
Geht es bei Ihnen doch eher so wie Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi fordert:
Tut nichts aus Eigennutz oder hohlem Geltungsstreben, sondern nehmt euch selbst zurück und achtet die anderen höher als euch selbst, indem ihr nicht auf das seht, was euch selbst nutzt, sondern auf die Interessen der anderen. (Phil 2,3.4)
Warum diese Ermahnung, wenn doch, damals zu Zeiten des Paulus wie auch heute, alles klar ist? - Offensichtlich ist das Problem damals wie heute die Sache mit den einen und den anderen. Da sind die einen: Sie haben verstanden, dass es auf Frieden und auf Gerechtigkeit unter uns ankommt. Sie haben begriffen, wie wichtig Toleranz ist. Liebe und Barmherzigkeit gehören zu ihrem normalen Reden und Denken. Sie sind sicher, dass sie umsetzen, was das Grundgesetz regelt und was Kirche Jesu Christi meint. Ein ungerechtfertigter Ausfall gegen einen Nachbarn würde ihnen niemals passieren.
Und dann sind da die anderen: Sie sind intolerant, und sie grenzen andere aus, oder sie sind nicht in der wahren Kirche, oder sie haben nur sich selbst im Blick und ihre Macht und ihren Reichtum und ihren Einfluss; oder sie setzen auf Gewalt; oder sie gehören gar zum Reich des Bösen; oder sie bedrohen uns mit ihrem Liberalismus oder Fundamentalismus oder einfach, weil sie schräg gucken und arrogant sind. Anders eben.
Da gibt es also die einen und die anderen, und natürlich gehören wir zu den einen. Und plötzlich leuchtet das “Andere achten” gar nicht mehr so ein. Plötzlich klingt es eher wie: Man muss etwas tun gegen die anderen: Gegen die, die stören oder die anders sind oder die uns bedrohen. Man muss etwas tun gegen die Linken oder gegen die Rechten, gegen die Terroristen und die Fundamentalisten, gegen die Schläger, gegen den uneinsichtigen, auffällig gewordenen Nachbarn.
Aber gerade diese anderen achten?
Wann gilt es, andere zu achten? Unter welchen Bedingungen bin ich bereit dazu? Wann sind die anderen würdig, dass ich sie achte? Wenn sie mich nicht verletzt haben? Wenn sie mich anerkennen? Wenn sie mich nicht bedrohen? Wenn ich mit ihnen nichts zu tun habe?
An dieser Stelle hilft ein Blick in den Zusammenhang des Philipperbriefes weiter: Paulus schreibt diesen Brief, während er im Gefängnis saß und seine eigene Zukunft ungewiss war. Unmittelbar auf die oben erwähnten Briefzeilen folgt der sogenannte Christushymnus, eine Dichtung über den freiwilligen Leidensweg Jesu. Paulus stellt sein persönliches Ergehen und das Ergehen der Gemeinde in diesen Zusammenhang.
Christus nahm es nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, heißt es da.
Christus hätte Gott sein und den Kreuzestod vermeiden können! Wir könnten Regeln für ein Miteinander aufstellen, die auf Seelenverwandtschaft und auf Sympathie beruhen. Paulus hätte das Gefängnis vermeiden können! Die Gemeinde in Philippi hätte aufgeben können. Wir könnten beschließen, dass wir nur die achten, die uns Gutes wollen und auf unsere Ehre bedacht sind.
Die anderen im Blick zu haben statt des eigenen Nutzens, die eigene Ehre nicht an die erste Stelle zu setzen und anderen mit Hochachtung zu begegnen: Das bedeutet nicht, alles zu tolerieren, was Menschen tun, ihnen in allem recht zu geben, jedes Tun zu entschuldigen. Das hat Jesus auch nicht getan: Er war sehr kritisch, wenn sich Menschen auf ihren Reichtum verlassen haben. Er fand fraglich, wenn Menschen sich in Selbstgerechtigkeit über andere erhoben. Er hat sehr gewarnt, wenn die Kinder außen vor blieben. Er ist dazwischen gegangen, wenn Menschen von ihrer eigenen Schuld abgelenkt und lieber eine Ehebrecherin geopfert haben. Nein, unsere Achtung hat nicht jedem Denken und jedem Tun zu gelten, aber wir haben anderen Menschen mit Hochachtung zu begegnen, egal was sie tun und denken. -
Denn auch die anderen, die Reichen, die auf Sicherheit im Leben setzen, die Frommen, die alles zu wissen scheinen, die Gesetzlichen, die alles im Griff haben wollen, hatte Jesus im Blick. Mehr noch. Er betete selbst für die Menschen, die ihn verspotten, die ihn verletzen und töten.
Hier gewinnt der Brieftext seine letzte Schärfe. Einander achten? Vielleicht ist es gut, nicht allzu vollmundig zuzustimmen. Vielleicht ist es gut, erst einmal herauszufinden, wo das besonders schwer fällt. Vielleicht ist es gut, zunächst einmal auf das eigene Reden zu Hause und im Beruf, am Stammtisch und in der Kirche zu achten.
Sabine Haverkamp, Pfarrerin für Frauenarbeit
Zurück
|
 |