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Eine Schale Dankbarkeit
Auf dem Beistelltisch im Wohnzimmer steht eine große Glasschale. Ihr Boden
ist bedeckt mit kleinen handbeschriebenen Zetteln. Auf einigen findet sich nur ein
einzelnes Wort, auf anderen ein mehr oder weniger langer Satz. Angefangen hatte
alles mit der Idee aus einem Adventskalender, eine Schale der Dankbarkeit
aufzustellen: Immer, wenn man etwas Besonderes erlebt, etwas, das das Herz
erfreut, dann sollte ein Zettel in die Schale wandern. Und so sammelten sich im
Laufe der Woche viele kostbare Momente in unserer Glasschale: ein
Waldspaziergang mit der Familie, ein Kinoabend, ein Saunabesuch, Spinatlasagne
-das Lieblingsessen der Kinder-, ein schöner Abend mit Freunden und vieles
andere konnte man da lesen.
Mir wurde durch die Schale der Dankbarkeit deutlich, wie reich die ‚Ernte‘
einiger ganz normaler Wochen in meinem Alltag sind. Oft gehe ich durch die Tage
und Stunden ohne Achtsamkeit auf das Erlebte. Schnell prägt sich mir nur das
Negative ein: Stress bei der Arbeit, Ärger mit den Kindern, Unzufriedenheit,
dass ich wieder nicht geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, Krankheiten
und alltäglicher Frust. Plötzlich aber nehme ich Dinge und Begegnungen dankbar
wahr, die ich mir nicht selbst zu verdanken habe.
Dietrich Bonhoeffer schreibt einmal über diese Erfahrung in sein Tagebuch:
„Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch
überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das
Leben erst reich macht. Man überschätzt wohl leicht das eigene Wirken und Tun
in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man nur durch andere geworden ist.“
Meine Gaben und Begabungen, meine Familie, Freunde, die meinen Weg
begleiten, kostbare Momente, gelingende Begegnungen, glückliche Augenblicke,
ein gutes Essen, ein reich gedeckter Tisch – plötzlich wird mir klar, wie wenig
ich all das Gute in meinem Leben mir selbst zu verdanken habe.
Wir richten unseren Blick schnell auf das große Ganze. Dabei übersehen wir
leicht die vielen kleinen Puzzleteile, die zusammen unser Leben erst zu einem Ganzen
werden und uns die reiche ‚Ernte‘ im Kleinen finden lassen.
Bei manchem Geburtstagsbesuch wird mir das bewusst, wenn Menschen, die
wahrlich kein einfaches Leben hatten,
trotz aller überschatteten Wegstrecken dankbar zurückblicken, weil sie
die vielen kleinen Puzzleteile erfüllter Momente und Begegnungen vor Augen
haben.
Manchmal hilft eine Schale Dankbarkeit, achtsam zu werden auf die Dinge,
die mein Leben reich machen. Es lohnt, mich im Getriebe des Alltags immer wieder
erinnern zu lassen, wie wenig ich das Leben mir selbst zu verdanken habe.
Dann kann es vorkommen, dass ich spontan in die Worte des Psalmbeters einstimme:
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich (Psalm
106, 1)!
Sieghard Flömer, Gemeindepfarrer in Bünde-Lydia
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