Erleuchtete Augen des Herzens
Jugendliche
fragen mich, warum das Osterfest nicht so prächtig gefeiert würde
wie Weihnachten. Einen Feiertag weniger, kaum Geschenke, die
Wohnungen nicht so üppig dekoriert, die Kirchen weniger gut
gefüllt. Und das, obwohl Ostern das wichtigste Fest der Christenheit
ist.
Auf
die Frage fallen mir viele Antworten ein: Historische Entwicklungen,
die Einflüsse der deutschen Romantik, heidnische Ursprünge im Fest
der Wintersonnenwende und, und, und.
Der
entscheidende Grund ist jedoch: Weihnachten ist für uns Menschen das
einfachere Fest. Wir feiern etwas, das wir, sei es in unserem
persönlichen Leben oder näheren Umfeld, schon als beglückendes
Ereignis erlebt haben: die Geburt eines Kindes. Da können wir
anknüpfen mit unseren eigenen Erfahrungen, das stellt keine
unerfüllbaren Anforderungen an unseren Glauben.
Ostern
verhält es sich allerdings ganz anders. Der Glaube an das
Ostergeschehen, an die Auferweckung Jesu Christi fällt vielen
schwer. Das ist nicht neu. Schon die ersten Jüngerinnen und Jünger
Jesu hatten Schwierigkeiten, das zusammenzubekommen: der Gekreuzigte
lebt! Und die ersten christlichen Gemeinden haben sich immer wieder
mit der Frage auseinandergesetzt, was die Auferweckung Jesu Christi
für ihr eigenes Leben, Sterben und die Zeit danach bedeutet.
Diese
Bedeutung zu erkennen, dazu braucht es kein natürliches Sehvermögen,
sondern die Bitte an Gott, wie es im Epheserbrief heißt: „Gott
gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu
welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.“ Erleuchtete Augen des
Herzens – das ist mehr als „man sieht nur mit dem Herzen gut“.
Erleuchtete Augen des Herzens meint eine von Gott gegebene Fähigkeit.
Fällt ein Licht von oben in unser Herz, können wir weiter blicken.
Dann
können wir erblicken, welche Hoffnung uns von Gott gegeben ist.
Sogar zu welcher Hoffnung wir von Gott berufen sind: Zur Hoffnung auf
ein „Danach“, nach dem Sterben, auf ein ewiges Leben.
In
manchen Bibelübersetzungen wird „hoffen“ mit „hinter den
Horizont schauen“ wiedergegeben. Richten wir also „die
erleuchteten Augen unseres Herzens“ nach weit vorn, sehen wir Licht
hinter dem Horizont unseres Lebens.
Damit
vernachlässigen wir keinesfalls das Hier und Heute, aber manche
Dunkelheit wird so etwas heller und erträglicher. Wir bekommen dann
das Wesentliche in unser Blickfeld.
Das
hat Graham Greene in seinem Roman „Der Honorarkonsul“ auf eine
besondere Weise zur Sprache gebracht: In einem lateinamerikanischen
Land wird dieser britische Konsul von Aufständischen entführt.
Während einer Feuerpause zwischen Aufständischen und
Regierungstruppen liest er einen Krimi und sagt: „Es ist irgendwie
tröstlich, eine Geschichte zu lesen, von der man weiß, wie sie
ausgeht.“
So
könnten wir die Geschichte unseres Lebens auch betrachten – als
eine Geschichte, die gut ausgeht.
Sabine
Schlak, Pastorin im Entsendungsdienst in der Ev. Kirchengemeinde
Rödinghausen
Zurück
|