Hatte das Beten nichts genützt?
Neulich besuchte ich eine Patientin, nennen wir sie Frau Anna, die schon vor einiger Zeit bei uns im Krankenhaus gelegen hatte. Damals hatte sie mich gebeten, mit ihr und ihrer Bettnachbarin, Frau Berta, ein Gebet zu sprechen. Diese Bettnachbarin war inzwischen verstorben, und auf diesem Hintergrund meinte Frau Anna, da sei unser Beten ja wohl vergebens gewesen.
Meine spontane Reaktion darauf war: "Das weiß ich nicht so genau", und auch im Nachhinein finde ich es gar nicht so leicht, eine passende Antwort zu finden. Eine solche Antwort würde erst einmal die Klärung der Frage voraussetzen, was ein Gebet eigentlich bewirken kann und bewirken soll.
Dabei ist der erste Wunsch von Frau Anna klar: Das Gebet sollte Heilung bewirken, Heilung von der Krankheit und den Aufschub eines als zu früh empfundenen Todes. Dieser Wunsch ist sehr verständlich. Welcher Mensch in der Mitte seines Lebens wünschte nicht, seine Jahre vollenden zu können? Und da dieser Wunsch ganz offensichtlich bei Frau Berta nicht in Erfüllung gegangen ist, fühlt sich Frau Anna enttäuscht und vielleicht auch in Bezug auf ihre eigene Krankheit bedroht. Sie spürt (zurecht!), dass das Gebet keine Heilungs-, keine Überlebensgarantie bietet.
Aber ist es deshalb schon nutzlos und vergebens? Einerseits habe ich mir angewöhnt, ziemlich konkret zu beten. Ich finde, es steigert die Kraft des Gebetes, wenn ich mir klar werde, in welcher Situation ich mich befinde und was ich mir konkret wünsche. Da kann dann mein Glaube zu einer Besserung der Situation beitragen.
Andererseits ist mir völlig klar: Ich kann Gott nicht zwingen! Letztlich ist es seine Entscheidung, ob ein Mensch gesund wird oder nicht. Ja, vielleicht ist es noch nicht einmal in jedem Fall Gottes bewusste Entscheidung, sondern die Heilung mag auch von Elementen des Zufalls mit abhängig sein.
Was ich aber glaube ist, dass Gott in jeder Lebenssituation uns Gutes geben kann, selbst noch im Tod. Sein Heilswillen für uns ist auch mit unserem Tod noch nicht am Ende. Und deshalb empfinde ich den Tod eines Menschen auch nicht als Scheitern meines Gebets.
Ich finde, das Gebet ist kein Zaubermittel, auch kein magischer Akt. Es ist ein Gespräch. Und neben dem Reden gehört zum Gebet auch das Schweigen, das Offensein für Gottes Antwort an mich. Und seine Antworten können überraschend sein und mich manchmal auch auf solche Wege führen, die ich selber nicht gewählt hätte.
Davon spricht auch das Vater Unser, mit dem ich fast jedes Gebet im Krankenhaus abschließe. Es betont sehr stark den Vorrang von Gottes Willen vor dem unseren: Dein Reich komme, dein Wille geschehe... Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit...
Ich möchte lernen, offener zu werden und demütiger, und mich immer wieder neu auf diesen Willen einzulassen.
Hanno Paul ist Krankenhauspfarrer am Lukas-Krankenhaus Bünde
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